Gastaufenthalt im Wilke-Atelier Bremerhaven

Im Sommer 2021 habe ich die wunderbare Möglichkeit, im Atelier des  Bremerhavener Malers Paul Ernst Wilke (1894-1971) künstlerisch zu arbeiten. Das wird durch den Verein zur Kunstförderung Wilke-Atelier e.V. ermöglicht.

Vorstand und Jury danke ich an dieser Stelle sehr herzlich.

Informationen  zum Verein und zum Atelier sind unter  http://wilke-atelier.de/  zu finden.

 

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„Gastaufenthalt“ – ein schönes Wort. Zu Beginn des Jahres 2021 hat es einen besonderen Klang. Gäste sind keine Kunden. Traditionell bringen sie Gast- geschenke mit. Mein „Gastgeschenk“ ist zunächst eine Idee. Mit interessierten Menschen in und um Bremerhaven ließe sich diese Idee verwirklichen

 

 

 

Das Ende der Regatta malt Paul Ernst Wilke 1954. Die Bootswettfahrt ist beendet. Die Lage ist entspannt, die Sieger stehen fest. Die Schiffe fahren ein. Die Segler sind abge- kämpft. Sie erwarten neu: Wind in den Segeln. Mitten im Lockdown 2021  ein blau-weißes Zeichen: das Leben ist eine Reise. Schiff und Segel sind die Metaphern.

 

 

Noch leben wir mit nicht absehbaren Kontakt-Beschränkungen. Wesentlich erscheint mir momentan mehr als je zuvor, dass Menschen miteinander Verbindung  haben, halten und auch – allen Einschränkungen zum Trotz- neu herstellen. Ich glaube, dass die Kunst auch hier neue  ebenso „sichere“ wie unvorhersehbare Handlungsspielräume eröffnet.

 

 

 

Paul Ernst Wilke war verbunden mit seiner Heimatstadt, mit Hafen und Schiffen und Fischern und Meer. Er hat zeitlebens „die Segel gesetzt“. Sein Handlungsspielraum war die Kunst. Unser gemeinsamer Handlungsspielraum: Wir übersetzen uns selbst in ein Zeichen. Das Zeichen ist ein Segel.

 

 

 

 Bremerhaven macht die ‚Leinen los‘.   Einladung zum

 

Segel setzen mit Paul Ernst Wilke

 

- ein künstlerisches Gemeinschaftsprojekt für ALLE

 

 

 

WER?

 

Interessierte mit Lust 'auf etwas Neues'  – z.B. auf ein sicheres Lockdown-Projekt

 

 

 

WAS?

 

Wir nähen ein  ‚Segel‘. Das ‚Segel‘ besteht aus den gesammelten Beiträgen der       TeilnehmerInnen. Sie werden ‚sicher‘ zuhause angefertigt und am Ende zusammengenäht. Das ‚Segel‘ ist nicht ‚gebrauchstauglich‘. Es ist ein großes Tuch, das am Ende der Aktion als Zeichen unseres Zusammenwirkens und -haltens präsentiert werden kann. Wind & Wellen sind nicht planbar – die Größe unseres Segels auch nicht. Sie hängt von der Zahl der Teile ab. Unvorhersehbar, spannend.

 

 

 

WIE?

 

Nur BLAU und WEISS – die ‚Wilke-Farben‘. Aus  aussortierten Kleidungsstücken, Laken, Tischdecken, Stoffen  usw. Stücke ausschneiden und  per Nähmaschine oder Hand umsäumen. Größe (gesäumt) DIN A 4 oder DIN A 3.  Wichtig: Die verwendeten Stoffstücke dürfen nicht zu schwer (z.B. keine Jeans  usw.) und nicht elastisch sein. Wer sich vorstellen kann beim Zusammennähen zu helfen, bitte unter info@kahle-nic.de melden

 

 

 

WANN?

 

Ab sofort! Interesse? Machen Sie Wind! Geben Sie Stoff! Teilen Sie diese Informationen mit Ihren   Freunden -  damit die Sache Wellen schlägt und wir gemeinsam Segel setzen können. Erste Präsentation -Work in Progress- in der Langen Nacht der Kultur am 12.6.21.

 

 

 

WO ABGEBEN?

 

Fertige Stoffstücke/Textilgarn: Abgabe ab Mai auch im Wilke Atelier, Am Alten Vorhafen 2  27568 Bremerhaven.  Bis 1.Mai an  F. Kahle-Nicolaides - Postfach 1133 / Filiale 576  in 21703 Drochtersen .  Fragen und Anregungen an:  info@kahle-nic.de

 

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Möglichkeit für eine Teilnahme ohne Nadel & Faden

 

Im Mai/Juni werden von Friederike Kahle-Nicolaides vor Ort Figuren hergestellt.

 

Dazu wird ‚Textilgarn‘ benötigt. Es ist einfach selbst zu machen. Hierzu kann

 

alles verwendet werden, was an weißen oder blauen Stoffen aussortiert wird

 

und ‚garngeeignet‘ ist, z.B. T-Shirts, Laken, Bett- und Tischwäsche. Anleitungen

 

Im Netz z.B. unter  https://www.sockshype.com/textilgarn-selber-machen/

 

 

 

 

Bei derzeit weiter bestehendem Lockdown und nicht absehbaren Kontakt-Beschränkungen stellen sich die alten existenziellen Fragen neu.  Auch: Was ist wesentlich?

 

Nachdenken über Paul Ernst Wilke

 

Für zwei Monate wird Bremerhaven mein Lebensort sein und mein Arbeitsplatz das Wilke-Atelier mitten im Hafengelände. Das Haus steht seit 1948 dort. Paul Ernst Wilke „lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1971“, vor fünfzig Jahren. Der als „rastlos“ beschriebene Maler hat offenbar dort seinen Ort gefunden. Seit 1986, also seit 35 Jahren ist dieser Ort ein „offenes“ Atelier, das mit seinen Trägern die Gastfreundschaft zum Prinzip gemacht hat.

 

 

Zu Gast bei P. E. Wilke - wer war dieser Mensch, in dessen Haus ich leben  werde? Es gibt nicht viel über ihn zu lesen. Das wenige, in Verbindung mit den digitalisiert zugänglichen Bildern, ergibt einen unscharfen, wenngleich atmosphärisch dichten Eindruck, die „Impression“ einer vitalen lebensfrohen Persönlichkeit.

Ich las von „unbeirrtem Festhalten“ an „gegenständlicher“ Malerei, von „impressionistisch, leicht flüchtiger Pinselführung“ und „starker Detailsorgfalt“.  Ich las „Bonvivant, neidloser Kollege, bohèmehafte Lebenskunst“ und von drei Ehen und sechs Kindern (die spätere Lale Andersen war 17, als sie den 11 Jahre älteren P. E. Wilke  1922 als ersten Ehemann heiratete und zwischen 1924 und 29 drei gemeinsame Kinder gebar). Ebenso rastlos wie weltoffen, heiter, ein Flaneur, bekannt, beliebt, immer auch „malender Chronist seiner Stadt“, seine Motive vorwiegend maritim - noch einmal: Wer war dieser Mensch, in dessen Haus ich zu Gast sein werde? Anlässlich der Ausstellung seiner Bilder im Historischen Museum an der Geeste schreibt Marco Butzkus am 2.12.2017 vom „Bild der Jachten im Alten Hafen“, bescheinigt den Bildern „fast brutal wirkende Präsenz“, „heftige Blautöne und strahlend weiße Segelboote“ im Kontrast dazu. Er prägt das Wort vom malenden Chronisten, dessen Bilder „immer auch Liebeserklärungen an die Seestadt Bremerhaven“ sind.

 

 

 

Das ist bei aller Verschiedenheit der Sujets, der Biografien und des „Kunstwollens“ etwas Verbindendes, wie Knotenpunkte zwischen den Leerstellen großer Netze:  Ich lese „Weiß“, ich lese „brutale Präsenz“ (brutal im Sinne von „nicht beschönigend“, „wahrhaftig“), ich lese nicht zuletzt „Düsseldorfer Kunstakademie“ - ich lese „neidlos, bohèmehaft“, und vom bon vivre – zwischen den Zeilen von Brüchen, keine oberflächliche Glätte, Ambivalenz. Ich empfinde Sympathie, merke, dass ich mich darauf freue, Gast im Haus dieses Menschen zu sein. Ich vermute: er war ein verbindlicher- und verbindender Mensch.